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Die Nordost-Ecke der Chinesischen Republik auf Taiwan: China Light oder schon richtig?

Was hilft gegen Kulturschock?

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Der Grund wieso ich auf die Idee kam mal nach Taiwan zu gehen, war anfänglich nicht, weil ich Taiwan sehen wollte. Ich wusste nur ungefähr, wo Taiwan lag und habe auch kaum je was über Taiwan gehört, ausser vielleicht, dass China wieder mal die Säbel in deren Richtung wetzte oder ein Taifun über die Insel preschte.

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Treibholz des letzten Taifuns am Strand von Fulong

China ist Pflicht

Eigentlich hatte ich vor China kennenzulernen, um vielleicht ein ganz kleines Bisschen dieses mir so fremde Volk zu verstehen, sofern das überhaupt mit einer kurzen Reise möglich gewesen wäre. Aber irgendwas hielt mich immer davon ab und so reiste ich Jahr für Jahr lieber an andere Orte.

Ich spürte einfach nie so eine innere Lust China zu entdecken. Es fühlte sich eher an wie eine Pflicht, die erfüllt werden musste. Eine Pflicht allerdings, die ich mir selbst auferlegt hatte. Und nachdem ich die ersten hundert Seiten der Tagebucheinträge aus China des 2004 verstorbenen Asien-Korrespondenten Tiziano Terzani gelesen hatte (übrigens eine sehr spannende Lektüre), war meine Motivation so tief gesunken, dass ich dieses Vorhaben wieder abhackte.

Ich hätte es ja sein lassen können, aber nein, es nagte weiter in mir dieses verflixte China. Denn ich hege neben viel Skepsis auch gewisse Bewunderung für diese Nation. Wenn ein Land für Weisheit steht, dann ist es für mich China.

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Strassenkreuzung in Taipeh

Aber was rede ich da immer von China, dieser Artikel sollte doch Taiwan zum Gegenstand haben. Du fragst dich jetzt vielleicht, wieso ich in Taiwan landete und doch wieder nicht in China.

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Taipei 101

Kletterziele sind Reiseziele

Also das lief folgendermassen ab: Mein Mann und ich wählen unsere Reiseziele ja beinahe immer nach kletterbaren Felswänden aus und so stiessen wir eines Tages auf Taiwan, welches anscheinend an der Nordostküste ein Top-Klettergebiet habe. Ob dem so sei, wollten wir natürlich rausfinden und so war die Sache geritzt.

Das ist perfekt dachte ich. Ich kann ein wenig in das chinesische reinschnuppern ohne nach China zu gehen – China Light sozusagen. Taiwan ist eine Demokratie, das wusste ich, vieles ist Englisch angeschrieben, das hatte ich gelesen. Taiwan ist hoch technisiert und industrialisiert, das weiss ja jeder. Taiwan würde sein wie der Westen einfach nur mit Taiwanesen drauf, dachte ich.

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Wie chinesisch ist Taiwan?

Wenn ich bei Taiwan immer von chinesisch spreche, dann hat das den einfachen Grund, dass Taiwan aus Sicht der Volksrepublik China eine abtrünnige Provinz der Volksrepublik China ist, obwohl Taiwan noch nie zur heutigen Volksrepublik China gehörte.

China sowie auch einige Taiwanesen hoffen auf Vereinigung. Der andere Teil der taiwanischen Bevölkerung wäre allerdings gerne unabhängig, was sie aber nicht zu laut herumposaunen können, weil das China reizen würde.

Warum nimmt China Taiwan nicht einfach schnell unter ihre Fittiche, frage ich mich. Dies wäre doch militärisch in einer Woche zu schaffen. Meine Hypothese ist, die Chinesen sind weise und wollen dieses Problem auf subtilere Art lösen, zum Beispiel in dem sie abwarten. Taiwan steht ziemlich alleine da, denn die meisten Länder anerkennen Taiwan nicht als eigenständige Republik und pflegen daher keine diplomatischen Beziehungen mit ihr. Denn wer will sich schon mit China anlegen? Es ist Taiwan daher auch nicht möglich bei internationalen Vereinigungen wie beispielsweise der UNO mitzumachen.

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Typisches Landschaftsbild des Nordostens: kleine Dörfer zwischen felsigen Klippen und steilen grünen Flanken, die direkt in den Pazifik fallen

 

China könnte, aber kann ein Tourist Taiwan in einer Woche erobern?

Wir haben uns bei dieser Reise sechs Tage für Taiwan reserviert. Natürlich sind sechs Tage wenig für eine Insel von 36000 km2, was nur etwas kleiner ist als die Schweiz. Man könnte Taiwan allerdings mit dem Auto oder der Bahn in dieser Zeit locker umrunden. Aber was hätte man dann schon gesehen ausser eine sich verändernde Landschaft vielleicht und die 10 Dinge, die man in Taiwan gesehen und abgehackt haben muss? Zur Sehenswürdigkeiten-Webseite für die Nordostküste geht’s hier lang.

Da wir Sehenswürdigkeiten abklappern nicht mögen und lieber weniger und das dann etwas vertiefter betrachten und erleben – bevorzugt natürlich Felsen, haben wir uns nur auf die Nordost-Küste rund um das Klettergebiet und ein wenig auf das Viertel um den beeindruckenden bambusförmigen Taipei101 in Taipeh konzentriert.

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Sicht vom Taipei 101

Mit dem Auto unterwegs

Wer nicht mit der Bahn oder Bussen die Insel entdecken möchte, dem kann ich sehr empfehlen ein Auto zu mieten. Weil das meiste Verkehrstechnische neben Chinesisch auch in Englisch beschildert war und Google-Maps eine gute Navigationshilfe bot, war alles ganz leicht zu finden. Bei unserem Aufenthalt bot uns der Wagen auch guten Schutz vor dem Regen, der während zwei Tagen wie aus einem Sturzbach vom Himmel fiel.

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Strasse in Keelung

Nihao!

Verständigungsmässig war es ausserhalb von Taipeh ohne chinesische Sprachkenntnisse etwas schwierig. Sogar in unserem Hotel, und das war immerhin ein Viersternehaus, sprachen von der Rezeption ausgenommen, nur mehr wenige Englisch. Das war ärgerlich. Aber nicht weil viele der Angestellten kein Englisch sprachen oder sprechen wollten, sondern, weil ich so schlecht vorbereitet war. Ich hätte ein paar Wörter Mandarin lernen können – wenigstens ein paar Brocken!

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Sicht vom Hotel Fullon zum Strand und AKW

Am Schluss des Taiwanaufenthaltes war ich immerhin fähig zu: Guten Tag – Nihao! Danke – Xiexie! Reis – Mifan. Tee – Cha. Das ist nicht viel, aber immerhin ein Anfang.

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Das Dorf Fulong

Was hast du denn erwartet?!

Ja, ich dachte, dass alles weniger fremd sein würde. In Taipeh war das noch so, aber dann draussen entlang der Küste in den Dörfern, da war ich der Dorftrottel. Seit langem fühlte ich mich wieder mal so richtig verloren. Ich konnte nichts lesen, ich konnte mich nicht verständigen. Ich drohte Bodenhaftung zu verlieren. Obwohl, das auf einer tektonischen Verwerfung liegende Taiwan, an diesem Tag ausnahmsweise mal nicht bebte.

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Ausserdem gefielen mir die Häuser nicht, die vom Meer und den Taifunen, die hier drei bis vier Mal im Jahr über diese Ostküste fegen, schäbig und abgewetzt aussahen.

Auch die Speisen trafen nicht meinen Geschmack. Beim Durchlesen der Speisekarte wurde mir übel: Suppe mit Fischmagen oder Schwalbennestern, Hühnerfüsse, Schweineohren. Ich schmollte und wetterte: „Hier gibt’s nur Schlangenfrass.“ Ok, Schlange war nicht auf der Karte und Schweineohren werden auch in der Schweiz gegessen, musste ich mich im Nachhinein von meinem Nachbarn belehren lassen.

Eines war sicher, ins ‘richtige’ China würde ich nie und nimmer reisen, da ist bestimmt alles noch viel schlimmer. Ich war so negativ drauf, dass ich mir ehrlich eingestehen musste, dass ich an einem ausgewachsenen Kulturschock litt.

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Klettern und Fischen gegen Kulturschock

Aber als Vielreisende kannte ich diesen Zustand natürlich und bin diesem nicht hilflos ausgeliefert. Mein Mittel dagegen ist ganz simpel: lange schlafen, den Fischgestank am Frühstücksbuffet ignorieren und dann klettern gehen.

Sobald meine Finger Fels greifen, notfalls gehen auch Kunstgriffe in einer Kletter- oder Boulderhalle, fühle ich mich an einem Ort sofort heimisch. Das liegt wohl daran, dass ich dann etwas tue, das mir vertraut ist und etwas indem ich eine gewisse Routine habe. So war es auch in Taiwan. Ausserdem trifft man dann die Menschen eines Landes, die die selbe Passion teilen und hat sofort einen Anknüpfungspunkt. Das muss ja nicht Klettern sein. Das kann auch etwas Anderes sein. In Taiwan würde sich auch Fischen anbieten. Ich habe in meinem Leben noch nie so viele Fischer gesehen wie an diesem Küstenstreifen. Dort scheint einfach jeder und jede zu fischen.

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Wenn du dich für Klettern auf Taiwan interessierst, lies auch meinen Artikel: Klettern in Longdong, Taiwan: Wo Taifune Klippen hochdruckreinigen – Fels wie Granit – nur besser.

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Die Klippen von Longdong

Wenn du dich nicht für Klettern interessierst, kannst du auch nur die Fotos der fantastischen Klippen von Longdong anschauen. Longdong ist übrigens auch eine der Sehenswürdigkeiten für Touristen, aber auch ein Tummelplatz für Fischer und Fischerinnen. Diese klettern dort tagtäglich wagemutig mit ihren Gummistiefeln, bepackt mit Ruten und Plastikkesseln über die Klippen runter und das bei fast jedem Wetter.

 

Buch-Tipp

Was mir auch sehr half, diese Insel und die Menschen dort etwas zu verstehen, war der brandneue Fettnäpfchenführer: Taiwan, Wo Götter kuppeln und Ärzte gebrochene Herzen heilen von Deike Lautenschläger.

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Mit jeder Seite dieses amüsanten und informativen Buches fühlte ich mich wohler und weniger verloren. In eine Rahmengeschichte eingebettet, erfährt man in diesem Buch wie sehr der taiwanische Alltag von uralten Traditionen, Religion und Aberglauben geprägt ist. Oder man lernt wie in zwischenmenschlichen Beziehungen ein Gesichtsverlust vermieden werden kann oder wie man bei Erdbeben und einem Taifun die Ruhe behält, beziehungsweise sich drauf vorbereitet.

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Hafen von Fulong

Nach zwei Tagen hatte ich mich dann an die neue Umgebung gewöhnt und konnte die restlichen vier Tage auf Taiwan geniessen – auch kulinarisch.

Ich war total begeistert von dem unten abgebildete Suppengericht, welches unserem Fondue Chinoise recht nahe kommt. Das war allerdings das weitaus beste Fondue Chinoise oder eher Fondue Taïwanaise, das ich je gegessen habe. Eine frische, leicht säuerliche Suppe mit vielen verschiedenen Gemüsen, Fleisch, frischem Fisch und sogar Muscheln drin. Einfach köstlich!

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Sind Taiwaner Chinesen oder Japaner?

Das ist natürlich eine blöde Frage. Taiwaner sind Taiwaner. Sie sprechen zwar mehrheitlich Mandarin, denn die meisten stammen von chinesischen Festlandvorfahren ab. Aber trotzdem benehmen sie sich nicht wie Chinesen. Jedenfalls nicht, wie die Chinesen, die ich tagtäglich in meiner Heimatstadt Luzern (ein bei chinesischen Touristen beliebtes Reiseziel) beobachtet habe.

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In einen Tempel integrierter Laden

 

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Chinesen sind doch laut und frech

Die Taiwanesen erlebte ich aber als sehr höflich und zurückhaltend. Irritierend war auch die Art und Weise wie sie uns jeweils unsere Kreditkarten oder ihre Visitenkarten übergaben. Sie taten das immer so förmlich mit beiden Händen und einem kleinen Knicks, so wie ich es von Japan kannte und wie es mir meine Japanisch-Lehrerin eindringlich beibrachte. Taiwan war 50 Jahre lang eine japanische Kolonie. Vielleicht ist das der Grund für dieses Verhalten. Aber das ist wieder nur so eine Annahme von mir.

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Nächtliches Taipeh

Vielleicht liege ich ja hierbei falsch und diese Manier ist auch auf dem chinesischen Festland üblich. Um dies rauszufinden und vielleicht mit meinem Vorurteil aufzuräumen, dass Chinesen laut und frech sind und die Behauptung meines chinesischen Arztes Dr. Liu zu überprüfen, ob Chinesinnen tatsächlich weniger Falten haben, weil sie Hühnerknorpel essen, bin ich nun doch endlich bereit und motiviert der Volksrepublik China einen Besuch abzustatten – irgendwann mal – vielleicht.

Ob ich nochmals nach Taiwan fliegen werde, weiss ich nicht. Die höflichen Menschen, die wunderschöne Landschaft, die Kletterei und die Felsqualität von Longdong haben mich jedenfalls begeistert und wären eigentlich Grund genug. Eins ist sicher, beim nächsten Mal würde ich viel mehr Zeit einplanen und auch noch andere Ecken der Insel erkunden.

Xiexie fürs Lesen, Liken, Teilen und Kommentieren und habt noch einen Nihao

Nadia

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[Copyright © Nadia Sbilordo]

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  1. Hallo Nadia
    jetzt weiss ich wo du wieder einmal gesteckt hast. Das ist ja unglaublich was du schon wieder erlebt hast.
    Sehr interessanter Bericht von Taiwan, schön zu lesen.
    Wenn es dann mal wieder schönes Wetter ist, sehe ich euch sicher mal wieder auf der Terrasse.
    Freundlichen Gruss Albert

    Gefällt mir

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